Was hilft wirklich?
LRS-Schüler:innen lernen am besten, wenn Lese- und Schreib-Hürden didaktisch aufgefangen werden, ohne dass Verständnis und Mitarbeit darunter leiden. Digitale Hilfen sind dafür hervorragend geeignet — sie machen Inhalte verfügbar, ohne dass Lese-/Schreibleistung im Mittelpunkt steht.
Wichtig: Digitale Hilfen ergänzen Förderdiagnostik und Sonderpädagogik. Sie ersetzen sie nicht. Optimal ist Kombination aus fachlicher Förderung (Phonologie, gezielte Übungen) und digitaler Alltagsunterstützung.
Sechs Werkzeug-Kategorien
Sechs Werkzeug-Typen, die im Schulalltag schnell einsetzbar sind. Viele sind bereits in Tablets, Word oder Schul-Lizenzen enthalten.
Vorlese-Funktionen
Eingebaute Screenreader (iPad VoiceOver, Android TalkBack, Word „Plastischer Reader") lesen Texte vor — Schüler:innen können Inhalte hören statt lesen.
Sprach-zu-Text
Diktier-Funktion (iOS, Android, Word) ermöglicht das Sprechen von Aufgaben-Antworten. Schreibmotorik und Rechtschreibhürde werden entlastet.
Rechtschreib-Hilfen
LanguageTool, Word-Korrektur, Grammarly — Tools, die Fehler aufzeigen und Vorschläge machen. Wichtig: als Hilfe, nicht als Bewertungsumgehung.
Wort-Vorschläge
Tastenvorschläge auf Tablets/Phones helfen beim Schreiben — kürzere Wörter zur Auswahl, weniger Fehlschreibungen.
Lesbare Schrift und Abstände
Lesbarkeit mit dem Kind erproben: Schriftgröße, Abstände und Buchstabenformen können individuell helfen. Ein allgemeiner Vorteil spezieller LRS-Schriften ist nicht belegt. Atkinson Hyperlegible wurde für Menschen mit Sehbeeinträchtigung entwickelt.
KI für Sprachvereinfachung
KI-Tools können Texte in einfachere Sprache übersetzen oder zusammenfassen — der Entwurf kann den Zugang erleichtern; Fachinhalt und Verständlichkeit müssen geprüft werden.
Fünf Unterrichtsmethoden
Konkrete Methoden, die digitale Hilfen didaktisch sinnvoll einbinden.
Audio-Lese-Tandem
Schüler:innen lesen Text mit, während die Vorlese-Funktion ihn spricht. Übung von Klang-Schrift-Zuordnung — ohne ständigen Frust.
Diktier-statt-Schreiben
Bei längeren Antwortaufgaben: Sprech-Eingabe erlauben. Schüler:innen formulieren ihre Gedanken — und können sie anschließend gemeinsam editieren.
Sprach-Vereinfachung als Hilfekarte
Lehrkraft hat den Originaltext + KI-vereinfachte Version. Schüler:innen, die Schwierigkeiten haben, können zwischendurch die einfachere Version nutzen.
Lese-Pausen mit Hörbuch
Klassenlektüre als Hörbuch parallel anbieten. Schüler:innen mit LRS können mitlesen oder nur hören — beides erlaubt.
KI-Tutor für Schreibübungen
KI-Tutor (sokratisch) hilft beim Schreiben — gibt Hinweise zu Struktur und Wortwahl, korrigiert sanft, statt zu bewerten.
Grenzen und Sensibilität
- Digitale Hilfen sind keine Förderung — sie reduzieren Alltagsbarrieren, aber ersetzen keine gezielte LRS-Therapie oder Sonderpädagogik.
- Nachteilsausgleich klären — was bei Klassenarbeiten erlaubt ist, hängt vom Bundesland und Förderstatus ab. Schriftlich im Förderplan dokumentieren.
- Lese-Übung bleibt wichtig — Vorlese-Funktion darf nicht jedes Lesen ersetzen. Lesekompetenz selbst ist Lernziel — KI/Tools sind Werkzeug, nicht Vermeidung.
- Sensible Sprache — „Schüler:in mit LRS" statt „Legastheniker:in". Personen-zentriert sprechen.
- Diagnostik bleibt fachlich — bei Verdacht auf LRS: Sonderpädagog:in oder Beratungslehrkraft einschalten, nicht KI als Diagnose-Ersatz.
Häufige Fragen
Ersetzen digitale Hilfen die Förderdiagnostik?
Nein. Sonderpädagogische Diagnose, Förderpläne und individuelle Begleitung bleiben menschliche Arbeit. Digitale Hilfen reduzieren Barrieren im Alltag — die fachliche Förderung steht parallel.
Darf ich Vorlese-Funktion bei Klassenarbeiten zulassen?
In vielen Bundesländern ja — als Nachteilsausgleich. Vorgaben variieren. Mit Sonderpädagog:in und Schulleitung klären, am besten schriftlich im Förderplan dokumentieren.
Wie verhindere ich, dass nur die LRS-Schüler:innen die Vorlese-Funktion nutzen — also stigmatisiert werden?
Vorlese-Funktion für die ganze Klasse anbieten. Auch starke Leser:innen profitieren beim Hören mehrerer Sprachen, langer Texte, neuer Wortschatz. Wer es nicht braucht, nutzt es nicht — niemand wird markiert.
Welche Schriftart soll ich für LRS-Materialien wählen?
Eine gut lesbare Schrift wie Arial oder Verdana ist ein möglicher Ausgangspunkt. Erprobe Größe, Zeilenabstand und Schrift gemeinsam mit dem Kind. Für OpenDyslexic zeigen Untersuchungen keinen gesicherten allgemeinen Vorteil beim Lesen. Atkinson Hyperlegible richtet sich an Menschen mit Sehbeeinträchtigung.
Wie kommuniziere ich digitale Hilfen mit Eltern?
Transparent als Lernunterstützung — nicht als „Sonderbehandlung". Eltern sind meist sehr verständnisvoll, wenn klar wird: Tools senken Barrieren, fördern Lernerfolg. Schriftliche Vereinbarung sinnvoll.
Quellen zu den überarbeiteten Angaben
Zuletzt geprüft am 5. November 2026. Die Links führen zu den Unterlagen, auf denen die zentralen Tatsachenangaben beruhen.
- Wery und Diliberto: OpenDyslexic und Leseleistung (2017) Die Untersuchung fand keinen Lesevorteil für OpenDyslexic gegenüber den Vergleichsschriften.
- Braille Institute: Atkinson Hyperlegible Die Schrift wurde für Menschen mit Sehbeeinträchtigung entwickelt.