Digital & Inklusion Aktualisiert: Mai 2026

Leichte Sprache im Unterricht: Materialien verständlicher gestalten

Acht Regeln, ein KI-Workflow zum Vereinfachen und konkrete Vorher/Nachher-Beispiele aus Geschichte und Biologie. Leichte und einfache Sprache als pädagogische Werkzeuge.

  • 9 Minuten Lesezeit
  • Für: Lehrkräfte aller Fächer, DaZ, Sonderpäd.
Zu den Regeln KI-Workflow ansehen
  • 8 Regeln
  • A1/A2/B1-Übersicht
  • Mit Vorher/Nachher-Beispielen

Worum es geht

Leichte Sprache ist kein Verkleinerungs­modus für Inhalte — sondern ein Werkzeug, das Inhalte sprachlich zugänglich macht. Wer einen Goethe-Text in einfache Sprache übersetzt, raubt ihm nicht den Goethe. Sondern öffnet ihn für eine Klasse, die ihn sonst nicht erreichen würde.

Wer profitiert: DaZ-Schüler:innen, LRS-Lerner:innen, Schüler:innen mit geistigem Förderbedarf, Hörbeeinträchtigte beim Lesen­transkript, alle bei komplexen Fach­texten — und implizit die Lehrkraft, die merkt, ob sie selbst den Stoff klar gedacht hat.

8 Regeln der Leichten Sprache

Acht Regeln decken 90 % der praktischen Anwendung ab. Die offiziellen Regelwerke (Netzwerk Leichte Sprache, Inclusion Europe) sind detaillierter — für Schule reicht diese Pragmatik.

1

Kurze Sätze

Maximal 12 Wörter pro Satz. Eine Information pro Satz. Statt Kommas: Punkte.

2

Aktive Sprache

Aktiv statt Passiv. Statt „Die Aufgabe wird gelöst" → „Du löst die Aufgabe."

3

Häufige Wörter

Alltagswortschatz statt Fachsprache (wo möglich). Fach­begriffe definieren.

4

Keine Verneinungen

„Du gehst" ist klarer als „Du gehst nicht weg". Doppelte Verneinung vermeiden.

5

Konkret statt abstrakt

„Eltern" statt „Erziehungsberechtigte". „Polizei" statt „Behörden".

6

Bilder und Symbole

Visualisierungen ergänzen Text. Pro Absatz idealerweise ein Bild.

7

Klare Struktur

Eine Überschrift pro Absatz. Aufzählungen statt Fließtext. Genug Weißraum.

8

Bewährte Hilfen

Mediopunkt bei langen Wörtern („Schul·heft"), Pronomen sparsam, Datums­angaben ausgeschrieben.

Leichte vs. einfache Sprache

Drei Sprachstufen für drei Lerner­gruppen — Klärung der Begriffe.

Leichte Sprache

A1-Niveau (Anfänger)

Sehr stark vereinfacht. Mediopunkte. 1 Aussage pro Satz. Vor allem für Schüler:innen mit geistiger Behinderung, sehr schwacher DaZ-Stand.

Einfache Sprache

A2–B1 (Grundkenntnisse)

Vereinfacht, aber natürlicher. Kurze Sätze (max. 15 Wörter), häufige Wörter. Standard für DaZ-Klassen und schwächere Lerner.

Standard­sprache

B2+ (Mittelstufe)

Normale Schulbuch-Sprache. Fach­begriffe werden eingeführt. Für die Mehrheit der Schüler:innen passend.

KI-Workflow zum Vereinfachen

Vier Schritte vom Original zum sprachlich angepassten Material. 5–10 Minuten pro Text.

  1. 1

    Schritt 1: Originaltext einfügen

    Den bestehenden Text (Lehrbuch-Abschnitt, Aufgabe, Material-Text) in den Prompt einfügen.

  2. 2

    Schritt 2: Niveau wählen

    A1 (Leichte Sprache), A2 oder B1 (einfache Sprache). Je nach Klasse.

  3. 3

    Schritt 3: KI-Output prüfen

    Inhalte unverändert? Wichtige Begriffe erhalten? Sprache konsistent?

  4. 4

    Schritt 4: Letzter Schliff

    Schwierige Begriffe ggf. erläutern. Layout anpassen (Absätze, Bilder). Persönliche Schul­ansprache.

Copy-Paste-Prompt

Universeller Prompt
Du bist Fachexpert:in für sprachliche Vereinfachung im Unterricht.
Hier ist ein Text für Klasse [X], Fach [Y]:

[Originaltext einfügen]

Erstelle drei Versionen:
1. LEICHTE SPRACHE (A1): Sehr stark vereinfacht. Sätze max. 10 Wörter. Mediopunkte bei langen Wörtern. Aktiv-Form. Eine Aussage pro Satz. Häufige Wörter.
2. EINFACHE SPRACHE (A2/B1): Vereinfacht, aber natürlich. Sätze max. 15 Wörter. Häufige Wörter mit Erklärung schwieriger Begriffe.
3. STANDARD: Original-Niveau, gut strukturiert.

Regeln für alle Versionen:
- Inhaltlich keine Vereinfachung (Sach­information bleibt korrekt)
- Sprachlich angepasst
- Pro Version: 1–2 Verständnis­fragen am Ende

Vorher/Nachher-Beispiele

Zwei konkrete Beispiele aus echten Lehrbuch-Texten — Original, einfach, Leichte Sprache.

Geschichte, Klasse 7
Original

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Deutschland durch den Versailler Vertrag erheblich in seinen Souveränitäts­rechten beschnitten und musste umfangreiche Reparationen leisten.

Einfache Sprache (A2)

Nach dem Ersten Weltkrieg musste Deutschland einen Vertrag unterschreiben — den Versailler Vertrag. Der Vertrag war hart für Deutschland. Es durfte vieles nicht mehr selbst entscheiden. Es musste sehr viel Geld zahlen.

Leichte Sprache (A1)

Der Erste Welt·krieg ist zu Ende. Deutschland muss einen Vertrag unter·schreiben. Der Vertrag heißt: Versailler Vertrag. Der Vertrag ist hart. Deutschland muss viel Geld zahlen.

Biologie, Klasse 6
Original

Pflanzen produzieren durch Photosynthese aus Wasser und Kohlen­stoff­dioxid unter Verwendung von Sonnen­energie Glucose und Sauerstoff.

Einfache Sprache (A2)

Pflanzen brauchen Wasser und ein bestimmtes Gas aus der Luft (Kohlen­dioxid). Mit der Sonne machen sie daraus Zucker und Sauerstoff. Das nennt man Photosynthese.

Leichte Sprache (A1)

Pflanzen brauchen: Wasser. Luft. Sonnen·licht. Daraus machen sie Zucker. Und Sauer·stoff. Das nennt man: Photo·synthese. Sauer·stoff ist wichtig für uns. Wir atmen Sauer·stoff.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Leichter und einfacher Sprache?

Leichte Sprache (A1) ist sehr stark vereinfacht mit klaren Regeln (Mediopunkte, max. 10 Wörter pro Satz, eine Aussage pro Satz). Einfache Sprache (A2–B1) ist natürlicher formuliert, kurze Sätze, häufige Wörter — wirkt weniger künstlich. Für die meisten DaZ- und Förderbedarfs-Situationen reicht einfache Sprache.

Kann KI Texte verlässlich in Leichte Sprache übersetzen?

Gut, aber nicht perfekt. Sprachlich treffsicher, inhaltlich gelegentlich Verzerrungen — vor allem bei Fach­begriffen. Faustregel: KI als ersten Entwurf nutzen, immer von Hand prüfen. Bei zertifizierten Materialien (z. B. amtliche Inklusions­dokumente) reicht KI allein nicht.

Soll ich ALLE Materialien in Leichte Sprache anbieten?

Nein. Übergeneralisierung verflacht das Sprachniveau der Klasse. Sinnvoller: Standard­version + auf Wunsch leichtere Version. Schüler:innen, die einfachere Sprache brauchen, bekommen Wahlmöglichkeit ohne Stigmatisierung.

Gibt es offizielle Regeln für Leichte Sprache?

Ja — vom Netzwerk Leichte Sprache und Inclusion Europe. Sie sind gut dokumentiert, aber für Schule reicht meist eine pragmatische Anwendung. Im Detail variieren die Regelwerke leicht.

Wie kommuniziere ich das mit Eltern und Schüler:innen?

Transparent: „Wir bieten Materialien in verschiedenen Sprach­stufen an, damit alle gut arbeiten können." Niemals Niveau-Label am Material („A1-Version" auf dem Blatt) — das stigmatisiert. Lieber farbcodiert oder einfach beide Versionen verteilen.

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